Dienstag, 15. September 2026

Rezension: „Zwischenfall in Lohwinckel“ von Vicki Baum

„Zwischenfall in Lohwinckel“ von Vicki Baum
Quelle: KiWi
„Zwischenfall in Lohwinckel“ von Vicki Baum ist ein Gesellschaftsroman, der erstmals 1930 erschienen ist und in dem drei Berliner*innen im Provinzstädtchen Lohwinckel stranden. Die Neuausgabe ist bei KiWi im November 2021 erschienen. 

Eine Autopanne mit Folgen: Drei mondäne Berliner kommen auf der Landstraße von der Fahrbahn ab und stranden im provinziellen Lohwinckel – der Auftakt eines vergnüglichen Reigens, der die Herzen der Lohwinckler in Wallung und die Ordnung der Stadt ins Wanken bringt. Zwischenfall in Lohwinckel ist ein meisterhaftes Beispiel für Vicki Baums erzählerisches Können, das kluge Gesellschaftsanalyse mit bester Unterhaltung verbindet. 

Der Klappentext dieses Buches ist eine perfekte Beschreibung dieses Buches, dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Ich bin in einem Sachbuch auf Vicky Baum aufmerksam geworden und habe geschaut, welche Bücher in meiner Bibliothek vorhanden sind. 
Zunächst dachte ich tatsächlich auch, dass ich es nicht schaffe dieses Buch durchzulesen. Der Anfang und die Beschreibungen von Lohwinckel waren einfach langweilig, so wie der Ort selbst. Mit dem Autounfall und den Berliner*innen, die danach in Lohwinckel stranden, ändert sich das. Diese bringen die sonst vorherrschende Ordnung und Eintönigkeit durcheinander und ab dann wurde es einfach unterhaltsam. 
Dieser Roman ist Gesellschaftsroman durch und durch. Zunächst habe ich erfahren, wie der Status Quo in diesem Ort ist: wie lange man wohin braucht, wer im Ort wohnt, wer reich ist und wer arm, wo Rivalitäten entstanden, wie die Arbeitsbedingungen sind, wo man was kauft und noch einiges mehr. Dabei habe ich natürlich auch die Menschen in dem Ort kennengelernt. 
Dann tauchen diese Menschen aus Berlin auf, über die wir natürlich auch einiges erfahren und wie anders das Leben in der Großstadt in Berlin ist. Diese bringen das Leben vor Ort ordentlich durcheinander. Dinge, die vorher eindeutig waren, werden hinterfragt, es entstehen Gerüchte und dies erfasst wirklich alle Bewohner*innen dieses Ortes von den Schüler*innen bis hin zum Bürgermeister. 
Es ist ein Einblick in die Weimarer Republik, wie diese um 1930 war. Das merkt man an so Dingen, wie den Umgang mit Medikamenten, die heute als Drogen gelten würden oder auch daran, dass nur wenige ein Auto haben und die Straßen nicht so gut ausgebaut sind. Bei anderem wiederum habe ich gemerkt, einiges scheint universell zu sein und ist auch heute noch ähnlich. Ich war erstaunt, wie nah sich dieser Roman teilweise für mich angefühlt hat. Und so amüsant das teilweise auch war, gibt es auch immer wieder ernste Untertöne, denn natürlich gibt es auch Probleme in Lohwinckel. 
Am Anfang des Buches wird vor rassistischer Sprache gewarnt. Die Warnung fand ich gut und da dieses Buch ein Zeuge seiner Zeit ist, fand ich es auch in Ordnung dies beizubehalten. Es war dann auch interessant zu sehen in welchem Kontext rassistische Sprache gebraucht wird und das ich diese teilweise gar nicht mehr nachvollziehen konnte. Das zeigt für mich, dass sich da über die knapp 100 Jahre, seit dieses Buch erschienen ist, doch einiges verändert hat. Auch Antisemitismus kommt immer wieder durch in diesem Roman, mal offensichtlicher, mal subtiler. Dieses Buch thematisiert diese Themen nicht, diese laufen halt als Teil der damaligen Normalität mit und dementsprechend wird sich in diesem Buch auch nicht kritisch damit auseinandergesetzt. 
Ich habe mich in den letzten Jahren intensiver mit der Weimarer Republik beschäftigt, sei es durch historische Romane und auch Sachbücher und daher war ich auch sehr neugierig darauf, wie sich ein Roman liest, der in dieser Zeit verfasst wurde. Es wurde die neue deutsche Rechtschreibung angewendet, aber typische Begriffe der Zeit wurden belassen, wie z.B. der Schofför für Chauffeur. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, warum das nicht wieder eingeführt wurde, wo Schreibweisen wie Portmonee heutzutage als richtig gelten. Auch englische Begriffe wie Burst-Out werden in diesem Roman verwendet. Anglizismen waren also auch schon 1930 ein Ding. 
Und jetzt bin ich doch ganz erstaunt darüber, wie viel ich dann doch noch zu diesem Buch zu sagen hatte. 

Fazit: Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung für diesen unterhaltsamen Roman aus der Weimarer Republik. Es ist ein spannender Einblick in die Gesellschaft um 1930 und wie Ortsfremde das Leben in einer kleinen Stadt durcheinander wirbeln können.

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Titel: Zwischenfall in Lohwinckel
Verlag: KiWi
Autor*in: Vicki Baum
Erscheinungsdatum: 04.11.2021 (Original 1930)
ISBN: 978-3-462-00136-5

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